
Der russische Angriff auf die Ukraine hat im Frühjahr 2022 nicht nur die geopolitische Lage verändert. Auch für Unternehmen in Deutschland rückten Cyberangriffe, Sabotage, Desinformation und die Abhängigkeit von digitalen Lieferketten stärker in den Fokus. In einem Interview ordnete Jannik Christ ein, wie Organisationen auf die veränderte Bedrohungslage reagieren sollten, ohne in Aktionismus zu verfallen.
Die zentrale Botschaft: Eine erhöhte Bedrohungslage verlangt mehr Aufmerksamkeit, aber keine unkoordinierten Einzelmaßnahmen. Unternehmen sollten prüfen, welche Prozesse besonders kritisch sind, wo externe Abhängigkeiten bestehen und ob ihre technischen sowie organisatorischen Notfallstrukturen tatsächlich belastbar sind.
Cyberrisiken sind Teil geopolitischer Konflikte
Staatliche und staatsnahe Akteure nutzen digitale Operationen, um Informationen zu gewinnen, Systeme zu stören und Vertrauen zu beeinträchtigen. Neben direkt betroffenen Zielen können auch Dienstleister, Softwarelieferketten und international vernetzte Unternehmen in den Wirkungsbereich geraten. Das macht eine rein geografische Risikobetrachtung unzureichend.
Für deutsche Unternehmen bedeutet das nicht, dass jedes System unmittelbar angegriffen wird. Es bedeutet jedoch, dass sie ihre Exponierung und Abhängigkeiten realistischer bewerten müssen. Besonders relevant sind privilegierte Zugänge, externe Fernwartung, nicht segmentierte Netze, ungetestete Wiederherstellung und fehlende Alternativen für kritische Dienstleister.
Was jetzt Priorität haben sollte
- kritische Geschäftsprozesse und deren technische Abhängigkeiten überprüfen,
- Warnmeldungen von Behörden und Herstellern in einen klaren Bewertungsprozess überführen,
- administrative Konten und externe Zugänge konsequent absichern,
- Backups gegen Verschlüsselung und Manipulation schützen und Wiederherstellung testen,
- Krisen- und Kommunikationswege mit Management, IT und Fachbereichen abstimmen,
- Lieferanten und Dienstleister nach ihren Notfall- und Sicherheitsvorkehrungen fragen.
Vorbereitung statt kurzfristiger Symbolmaßnahmen
In angespannten Lagen steigt der Druck, schnell sichtbare Maßnahmen umzusetzen. Wirksamkeit entsteht jedoch nicht durch die Anzahl neuer Tools, sondern durch klare Prioritäten und vorbereitete Entscheidungen. Ein Unternehmen, das seine kritischen Systeme kennt, Auffälligkeiten erkennen kann und Wiederanlaufprozesse getestet hat, ist widerstandsfähiger als eine Organisation mit vielen isolierten Sicherheitsprodukten.
Jannik Christ betonte im Interview deshalb die Bedeutung einer ganzheitlichen Sicherheitsorganisation. Technische Kontrollen, Business Continuity, Incident Response und Managementkommunikation müssen ineinandergreifen. Nur so bleibt ein Unternehmen auch dann handlungsfähig, wenn die Bedrohungslage unübersichtlich ist und Entscheidungen unter Zeitdruck getroffen werden müssen.
Eine Lehre mit langfristiger Bedeutung
Der Ukraine-Krieg hat verdeutlicht, wie eng geopolitische Ereignisse, digitale Infrastruktur und wirtschaftliche Stabilität miteinander verbunden sind. Die daraus abgeleiteten Maßnahmen sollten deshalb nicht als kurzfristiges Sonderprogramm verstanden werden. Sie gehören in ein dauerhaftes, risikoorientiertes Sicherheitsmanagement, das Veränderungen beobachtet und die eigene Vorsorge regelmäßig überprüft.


